Früheste Bahnungen
Lernerfahrungen finden nicht erst dann statt, wenn ein Kind die Fähigkeit entwickelt hat, Sprache zu verstehen und zu benutzen.
Intensive Lern- und Anpassungserfahrungen macht ein Kind bereits in den ersten neun Monaten seines Lebens, alsoim Mutterleib. (vgl. Gerald Hüther: Das Wunder der ersten neun Monate) und in der übrigen Zeit vor dem Spracherwerb.
Die Bedeutung und die Auswirkungen dieser Erfahrungen werden durch die Erkenntnisse der gehirnbiologischen Forschung erst allmählich deutlich. Sie betreffen eine Vielzahl von Phänomen, die bisher kaum verstehbar waren, wie Angststörungen, verschiedene Arten von Depressionen, sogenannte Hyperaktivität, vegetative Störungen, Suchtgewohnheiten und als belastend erlebte Impulsivität. Wesentliche Anteile der individuellen Art, wie ein Mensch die Erfahrungen, die er mit sich selbst und seiner Umgebung macht, verarbeitet, entwickeln sich also in einer Zeit, die vor jeder Erinnerbarkeit liegt. Es handelt sich um gehirnbiologische Anpassungsmechanismen mit nervalen, vegetativen und hormonellen Folgen, die nicht an einen gedanklich erinnerbaren Inhalt gekoppelt sind. Sie können im späteren Leben eines Menschen zwar weitreichende Auswirkungen haben, entziehen sich aber jeder psychologischen Deutung, weil sie keine psychologische sondern eine biologische Grundlage haben.
Wie lassen sich die Folgen solcher sehr frühen Bahnungen bearbeiten, speziell dann, wenn sie störend in Erscheinung treten oder zur Entstehung von Symptomen führen?Ein Schwerpunkt logomedizinischer Beratungsarbeit besteht darin, ein klares Wissen über die neurobiologischen Zusammenhänge und ihre konkreten Auswirkungen, bezogen auf die individuelle Situation, zu vermitteln. Dieses Wissen macht es möglich, Erlebensweisen, die ein Mensch bei sich wahrnimmt, so zu verstehen und zuzuordnen, dass er sich ihnen nicht mehr ausgeliefert fühlt, sondern ihnen gegenüber eine größere Freiheit entwickeln kann. Die eigene Person und die eigenen selbstverständlichen menschlichen Fähigkeiten können dann in einem ganz anderen Licht gesehen werden.
Dieser Blickwinkel ändert auch den Umgang mit der persönlichen Vergangenheit.